(Unter anderem:) Warum ich mich habe impfen lassen

Hallo, ich bin Jerôme und ich biete seit Herbst diesen Jahres Movement-Kurse an der inmir Zeitgeistschule an.

Wie jede:r andere fühle auch ich mich erschlagen und ermüdet von den hitzigen Diskussionen, die gegenwärtig einen Keil durch die Gesellschaft, aber auch durch Familien, Freund- und Partnerschaften treiben.

 

Und doch folge ich der Einladung, hier über meine Gedanken zu sprechen.
Ich folge ihr deshalb, weil ich in dieser Einladung die Möglichkeit begreife, einen kleinen Teil zur Lösung unserer gesellschaftlichen Krise beizutragen. Diese wertvolle Gelegenheit möchte ich nicht ungenutzt verstreichen lassen.

 

Mein Anteil liegt dabei nicht in dem Ausbreiten meiner Meinung, nicht in dem Versuch, Andersdenkende mit Argumenten von meinem Standpunkt zu überzeugen. Er liegt bereits darin, dass ich hier davon berichte, zum Dialog eingeladen worden zu sein.

 

Sophias Beitrag hat große Wellen geschlagen, hat viele Menschen polarisiert. Dabei ließen sich in den Kommentaren kaum Anzeichen dafür finden, dass Sophias Wunsch nach Heilung und Verbindung sich einer Erfüllung nähert; zwischen tiefster Zustimmung und entschiedener Ablehnung klaffte hier dieselbe Lücke, die man gegenwärtig bei Zusammenkünften mit der Familie und mit Freund:innen spürt.
Das liegt nicht an Sophias Worten. Denn jede noch so achtsam vorgetragene Meinung kann eines nicht ersetzten: Den verbindenden Dialog.

 

Nun könnte man meinen, dass es bereits ein Zeichen für Offenheit und Toleranz sei, mir als Menschen mit Covid19-Impfung hier eine Plattform zu geben. Eine Plattform, um meine eigene Meinung als ausgleichenden Pol neben den von Sophia zu stellen.

Doch zwei gleich gefüllte Waagschalen sind nicht das, was uns in dieser Situation hilft: Wie auch in anderen gesellschaftlichen Fragen geht es meiner Auffassung nach nicht darum, dass alle Positionen gleich viele Fürsprecher:innen finden, damit sie „fair“ vertreten werden. Es geht darum, wieder Raum für Einigkeit zu schaffen.

 

Deswegen möchte ich diese Plattform hier nicht nutzen, um meine Meinung zu vertreten. Ich möchte diese Plattform nutzen, um zu verstehen und für Verständnis zu werben. Um Fragen zu beantworten. Um nach Kompromissen zu suchen. Um zuzuhören. Ich möchte nicht, dass jemand meinem Standpunkt mit Emojis und Ausrufezeichen beipflichtet. Ich möchte nicht, dass sich jemand von meinem Beitrag derart als Person angegriffen fühlt, dass die emotionale Reaktion sich durch ein Ventil aggressiver Abgrenzung entladen muss.

 

Was ich mir wünsche ist, dass sich auch nur einer von euch Lesenden heute Abend sein Telefon nimmt und jemanden anruft, der anderer Meinung ist und diesen Menschen mit ehrlichem Interesse fragt: „Warum vertrittst du diesen Standpunkt?“ Und noch viel wichtiger: „Worum sorgst du dich? Was fürchtest du?“. Und dann einfach. Mal. Zuhört.

 

Wir alle geraten derzeit ständig unter Druck, uns zu rechtfertigen. Und wir haben uns hinter so hohen Mauern von Argumenten verschanzt, dass wir uns keinen Schritt mehr bewegen können, ohne alles auf einmal einzureißen. Ich wünsche mir, dass wir diese Rüstung abstreifen und wieder beweglicher werden. Dass wir auf einen Menschen zugehen zu können, ohne dafür mit einem anderen brechen zu müssen.

 

Ich habe mich bei der ersten Gelegenheit impfen lassen. Ich habe mir bei der ersten Gelegenheit eine Auffrischungsimpfung geholt. Ich erachte die Impfung aller geeigneten Menschen als den erfolgsversprechendsten Weg, die unmittelbare Bedrohung durch das SARS-CoV-2-Virus – dessen Existenz und Schadenspotenzial ich anerkenne – zu handhaben und um Zeit zu gewinnen, die tiefer greifendere Krise der öffentlichen Gesundheit zu lösen.
Für diese Position habe ich Gründe. Zunächst muss ich dazu jedoch anmerken, dass ich ein stark von der Ratio geleiteter Mensch bin. Ich habe ein Diplom in einem mathematischen Studium erworben. Ich lebe mit einer promovierenden Soziologin zusammen, welche als Mitarbeiterin der größten Hamburger Klinik selbst medizinische Versorgung erforscht. Ich muss anerkennen, dass meine Art, Probleme zu betrachten und Lösungen zu finden, dadurch gefärbt ist. Dass mein Bauchgefühl in meinem Leben meist Berater, nicht aber Entscheider ist.
Zugleich bin ich philosophisch interessiert und erwarte nicht, dass mich allein die Logik zu *der* Wahrheit führt. In meinem Weltbild findet sich keine solche universelle Wahrheit. Es finden sich lediglich schlüssige Standpunkte und widersprüchliche Standpunkte. Schlüssigkeit ist Erdung, ist Harmonie, lässt fließen. Widerspruch ist Spannung, ist blockierte Energie, die sich oft gewaltsam entlädt.

 

Für mich erscheint es schlüssig, dass wir unseren Körper mit einer Imitation des Erregers darauf vorbereiten können, sich gegen das echte Virus zu wehren, wenn es in das System gelangt. Mir erscheint es schlüssig, dass in einer Zeit von Millionen Betroffenen und internationaler Kooperation sowohl das Wissen, als auch die Mittel zusammengekommen sind um in vergleichsweise kurzer Zeit diese Imitation herzustellen, ohne Kompromisse an die Sicherheit einzugehen. Ich halte es für schlüssig, dass man trotz nicht auszuschließender Langzeitfolgen dieser Impfung eine Empfehlung für diese ausspricht, da die Langzeitfolgen einer ungeschützten Infektion das augenscheinlich größere Risiko bergen.
Als Kind litt ich unter schwerer chronischer Bronchitis. Aufgrund meiner Lunge hat meine Familie damals Hamburg verlassen, um mir die Chance auf ein gesundes Leben zu geben. Auch deswegen war es für mich schlüssig, jedes probate Mittel zu nutzen, um mich vor einer schweren Atemwegserkrankung zu schützen. Das ist mein Bild. Das ist *ein* Bild.

 

Dass wir in der heutigen Situation sind, ist das Resultat vieler Entscheidungen. Ich spreche von der Politik. Ich spreche aber auch von jedem Menschen, der sich seiner Eigenverantwortung nicht bewusst ist oder sicher dieser nicht annimmt. Ich spreche von einer Lebensart, welche die eigenen Heilungskräfte mutwillig schwächt.
Ich spreche von zu wenig und falscher Bewegung. Ich spreche von stark verarbeiteten Lebensmitteln. Ich spreche von Drogen, gleich ob legal oder illegal. Ich spreche von der Überschätzung der eigenen Resistenz. Ich spreche von Menschen, die es als Zeichen von Verantwortungsgefühl begreifen, sich mit erhöhter Temperatur durch den Nahverkehr zu ihrem Arbeitsplatz zu schleppen, bloß um anwesend gewesen zu sein. Und ich spreche von Menschen, die nur dann solidarisch Rücksicht nehmen und zum Wohle Anderer Verzicht üben, wenn die Alternative mit einer empfindlichen Strafe belegt wird.

 

Nun ist es ganz gleich, wie wir in diese Situation hinein geraten sind. Und es spielt auch keine Rolle, ob sich ein:e Einzelne:r von uns durch den letzten Absatz angeklagt fühlt – im Übrigen zähle ich mich selbst dazu.
Aus der Vergangenheit zu lernen, ist wichtig. Und doch wird der Lernprozess gerade vollständig von der Suche nach Schuldigen übertönt. Doch Menschen der Ächtung auszusetzen oder vor Gericht zu stellen ist Teil der Aufarbeitung, nicht der Lösung selbst.

 

Alles was ich sagen will, ist Folgendes: Ich wünsche mir, dass wir miteinander reden. Uns möglichst vielen Argumenten öffnen. Und Entscheidungen treffen, die innerhalb unseres jeweiligen Weltbilds schlüssig sind und die Verantwortung anerkennen, die jede:r Einzelne von uns trägt. Sobald wir alle unsere Gesundheit als höchstes Gut begreifen und danach handeln, sobald wir als Gesellschaft die Bewahrung von Gesundheit über das Behandeln von Krankheiten stellen, wird sich etwas ändern.

 

Bis dahin werden wir weiter eine Politik erleben, die unbeholfen Wasser aus einem undichten Schiff schippt. Die Löcher schließen müssen wir schon selbst. Jede:r Einzelne von uns.

 

Geimpfte tragen das Virus weiter. Geimpfte müssen Verantwortung tragen. Ungeimpfte tragen das Virus weiter. Ungeimpfte müssen Verantwortung tragen. Ich bewerte fehlenden Impfschutz als zusätzliches Risiko. Du bewertest das möglicherweise anders.

 

Doch hoffe ich, dass wir uns in einem einig sind: Die Lösung gelingt nur dann, wenn jede:r seinen Beitrag findet und leistet.

Und ich hoffe, dass nicht mehr Crew-Mitglieder als unbedingt nötig von Bord gehen müssen, bevor das Schiff wieder schwimmt.

 

Passt auf euch auf.

J.